Warum Mitochondrien, Darmgesundheit und Entzündungsregulation eine Rolle spielen können.
Die Beschwerden, die nach einer SARS-CoV-2-Infektion zurückbleiben können, sind inzwischen gut dokumentiert: eine Erschöpfung, die sich durch Schlaf nicht bessert, ein Gehirn, das wie durch Watte denkt, eine Belastungsintoleranz, die früher nie da war. Schätzungen zur Häufigkeit des Post-Covid-Syndroms variieren je nach Definition und Studie erheblich.
Was die betroffenen Menschen in ärztlichen Praxen häufig erleben: Das Standardlabor ist unauffällig. Das EKG ist normal. Das Röntgenbild zeigt nichts. Die Erschöpfung bleibt trotzdem. Dieser Widerspruch bedeutet nicht automatisch, dass die Beschwerden rein psychosomatisch sind. Er kann darauf hinweisen, dass klassische Diagnostik bestimmte funktionelle oder zelluläre Prozesse nur begrenzt erfasst. Ein Teil der Beschwerden könnte auf Ebene der zellulären Energiegewinnung entstehen.
Eine mögliche Erklärungsebene sind mitochondriale Veränderungen, die in der aktuellen Forschung zunehmend untersucht werden.
Post-Covid, Erschöpfung und Zellenergie: Die Rolle der Mitochondrien
Mitochondrien sind spezialisierte Zellorganellen, die in nahezu jeder menschlichen Körperzelle vorkommen. In Herzmuskel-, Gehirn- und Skelettmuskelzellen sind sie besonders dicht vorhanden. Ihre Hauptaufgabe ist die Herstellung von ATP – Adenosintriphosphat –, dem universellen Energieträger des Körpers. Über die sogenannte Atmungskette, eine Abfolge von Proteinkomplexen in der inneren Mitochondrienmembran, wird Sauerstoff genutzt, um aus Fettsäuren und Glukose ATP zu synthetisieren.
Was viele nicht wissen: Das Gehirn beansprucht trotz eines Anteils von nur zwei Prozent der Körpermasse rund zwanzig Prozent der gesamten Energieproduktion. Das Herz kommt auf etwa sieben Prozent. Wenn die mitochondriale Funktion gestört ist, merkt man das zuerst dort, wo der Energiebedarf am höchsten ist – im Gehirn und in der Muskulatur.
Mitochondrien sind aber weit mehr als Stromgeneratoren. Sie regulieren Immunantworten, steuern den programmierten Zelltod und sind zentral an Entzündungsprozessen beteiligt. Eine Dysfunktion auf dieser Ebene hat daher weitreichende Folgen – weit über reine Erschöpfung hinaus.
Was die Forschung bei Post-Covid-Patientinnen und -Patienten findet
Seit 2021 hat die wissenschaftliche Literatur mehrere relevante Befunde zu mitochondrialen Veränderungen bei Post-Covid zusammengetragen.
Direkter viraler Eingriff in die Mitochondrien. SARS-CoV-2 kann über das ACE2-Rezeptorsystem in mitochondriale Prozesse eingreifen. Mehrere Arbeitsgruppen beschreiben eine Fragmentierung des mitochondrialen Netzwerks sowie eine Reduktion der Komplex-I-Aktivität in der Atmungskette (Ajaz et al., 2021; Gibbs, 2022). Diskutiert werden unter anderem eine verminderte ATP-Synthese und erhöhter oxidativer Stress.
NAD⁺-Depletion. Nikotinamidadenindinukleotid – kurz NAD⁺ – ist ein zentraler Kofaktor der Mitochondrien und unverzichtbar für die Funktion von Sirtuinen, Enzymen, die DNA-Reparatur, Entzündungsregulation und mitochondriale Biogenese steuern. Mehrere Studien zeigen bei Long-Covid-Patientinnen und -Patienten signifikant erniedrigte NAD⁺-Spiegel (Bhatt et al., 2023; Migaud et al., 2024). Niedrige NAD⁺-Spiegel könnten dazu beitragen, dass Energieproduktion, Reparatur- und Regulationsprozesse beeinträchtigt werden.
Persistierende Entzündung und Glutathionmangel. Post-Covid ist keine rein funktionelle Erkrankung. Biopsie- und Liquorbefunde dokumentieren persistierende Mikroentzündungen, erhöhte Spiegel von Interleukin-6, TNF-α und reaktiven Sauerstoffspezies. Glutathion – das wichtigste intrazelluläre Antioxidans und Hauptsubstrat der zellulären Entgiftung – ist bei Betroffenen häufig stark erniedrigt (Sahiner et al., 2022). Eine kontrollierte Studie der Baylor University zeigte, dass eine gezielte Auffüllung von Glutathion-Vorläufern (Glycin und N-Acetylcystein, kurz GlyNAC) bei Long-Covid-Patientinnen und -Patienten zu signifikanten Verbesserungen von Fatigue, Belastungsintoleranz und oxidativem Stress führte (Kumar et al., 2023).
Der Darm als unterschätzter Faktor
Ein Aspekt, der in der Post-Covid-Forschung zunehmend Aufmerksamkeit erhält, ist die Rolle des Gastrointestinaltrakts. Aktuelle Daten legen nahe, dass SARS-CoV-2 im Darm persistieren kann, lange nachdem der respiratorische Nachweis negativ ist. Das unterhält eine chronische lokale Entzündung, die über die sogenannte Darm-Leber-Achse systemische Auswirkungen erzeugt.
Hinzu kommt ein Mechanismus, der in der naturheilkundlichen Medizin seit Langem bekannt ist, in der konventionellen Diagnostik aber kaum erfasst wird: der gärende Oberdarm. Die oberen sieben bis acht Meter des Dünndarms sollten unter physiologischen Bedingungen nahezu keimfrei sein – gewährleistet durch Magensäure und Pankreasenzyme. Siedeln sich dort Bakterien oder Hefepilze an (Small Intestinal Bacterial Overgrowth, kurz SIBO), entstehen bei der Vergärung von Kohlenhydraten Stoffwechselprodukte, die den Organismus belasten können: Ethylalkohol, D-Laktat, Ammoniak, Schwefelwasserstoff sowie bakterielle Endotoxine und pilzliche Mykotoxine.
Diese Verbindungen belasten die Leber, die im Ruhezustand bereits bis zu siebenundzwanzig Prozent der gesamten Körperenergie verbraucht. Je höher die Entgiftungslast, desto weniger Energie steht für Gehirn, Muskulatur und Immunsystem zur Verfügung. In der Praxis wird häufig beobachtet, dass sich Brain Fog und Erschöpfung im Rahmen einer individuell angepassten Ernährungsumstellung verändern können. Die Darmgesundheit spielt in der Naturheilkunde eine wichtige Rolle. Weitere Informationen finden Sie auf meiner Seite zu den Therapieschwerpunkten.
Die Schilddrüse: ein häufig übersehener Engpass
Ein weiterer Faktor, der bei Post-Covid-Patientinnen und -Patienten regelmäßig übersehen wird, ist die Schilddrüsenfunktion. Die Schilddrüse wirkt als zentraler Regler der mitochondrialen Fettverbrennung: Ohne ausreichend aktives Schilddrüsenhormon (T3) können Mitochondrien Fettsäuren nicht effizient in ATP umwandeln. Der Körper greift ersatzweise auf adrenerge Stimulation zurück – mit dem klinischen Ergebnis, dass Betroffene gleichzeitig innerlich unruhig und tief erschöpft sind.
In einigen Fällen kann eine weiterführende Schilddrüsendiagnostik sinnvoll sein. Insbesondere kann die Bestimmung von fT3, fT4 und reversem T3 – ergänzt durch klinische Parameter wie Basaltemperatur, Ruhepuls und das Muster eines möglichen Augenbrauenausfalls, je nach Beschwerdebild erwogen werden. Eine bislang unerkannte Schilddrüsenfunktionsstörung kann den Genesungsprozess zusätzlich beeinflussen.
Naturheilkundliche Begleitung: mögliche Ansatzpunkte
In der Naturheilpraxis Helbig verfolgen wir bei Post-Covid-Patientinnen und -Patienten einen Ansatz, der diese pathophysiologischen Zusammenhänge aufgreift und auf drei Ebenen ansetzt.
Die erste Ebene ist die mitochondriale Regeneration. Im Mittelpunkt stehen Infusionstherapien, die darauf abzielen, Mikronährstoffversorgung, antioxidative Systeme und Regenerationsprozesse zu unterstützen: NAD⁺ intravenös für die direkte Auffüllung des zellulären NAD⁺-Pools, GlyNAC als Vorläufer für die Glutathion-Synthese, Vitamin C intravenös zur Unterstützung antioxidativer Prozesse sowie Alpha-Liponsäure als mitochondriales Antioxidans. Die intravenöse Gabe macht dabei einen erheblichen Unterschied: Durch die intravenöse Gabe können deutlich höhere Blutspiegel erreicht werden als durch die orale Einnahme.
Die zweite Ebene ist die Darmsanierung. Eine kohlenhydratreduzierte Ernährung kann dazu beitragen, die Bedingungen im Darmmilieu zu verändern und den Stoffwechsel zu entlasten. In der naturheilkundlichen Praxis werden darüber hinaus verschiedene Maßnahmen eingesetzt, um Verdauung, Stoffwechsel und körpereigene Regulationsprozesse zu unterstützen. Dazu zählen unter anderem Vitamin C, Jod und MSM (Methylsulfonylmethan). Die Auswahl erfolgt stets individuell und orientiert sich an Anamnese, Beschwerden und Laborbefunden.
Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Darmgesundheit, da der Gastrointestinaltrakt eng mit Immunsystem, Nährstoffversorgung und Energiehaushalt verbunden ist. Ziel ist es, günstige Voraussetzungen für Regeneration und eine stabile Stoffwechsellage zu schaffen.
Die dritte Ebene ist die Entgiftung und Mikronährstoffauffüllung. Fettlösliche Toxine akkumulieren im Körperfett und werden bei der Ketose mobilisiert. Eine unterstützende Anwendung von Wärmebehandlungen kann je nach individueller Situation ergänzend eingesetzt werden. Das Basispaket an Mikronährstoffen – Vitamin D₃, Magnesium, Omega-3-Fettsäuren, Zink – bildet die metabolische Grundlage, auf der alle weiteren Maßnahmen erst ihre volle Wirkung entfalten können.
Was Sie selbst tun können
Nicht jede Maßnahme erfordert eine Infusion oder eine umfangreiche Diagnostik. Ein erster sinnvoller Schritt ist die konsequente Reduktion von Zucker und verarbeiteten Kohlenhydraten – nicht als Diät, sondern als therapeutische Maßnahme zur Entlastung des Darms und der Leber. Knochenbrühe täglich liefert Glycin, Gelatine und lösliche Mineralien und ist eine der wirksamsten und günstigsten Maßnahmen zur Regeneration der Darmschleimhaut. Wärmebehandlungen wie Bittersalzbäder oder Infrarotanwendungen werden in der Naturheilkunde häufig genutzt und können ergänzend eingesetzt werden, um Regenerationsprozesse zu begleiten.
Vor allem aber gilt: Der Schlaf ist keine Nebensache. Mitochondrien regenerieren sich vorwiegend nachts. Wer den Schlaf optimiert – Dunkelheit, feste Zeiten, kein Bildschirmlicht in den letzten zwei Stunden vor dem Einschlafen –, legt die Basis für alles Weitere.
Wenn Erschöpfung, Brain Fog und Belastungsintoleranz seit mehr als drei Monaten bestehen, ist eine individuelle Diagnostik sinnvoll. Was im Standardlabor nicht sichtbar wird, kann auf mitochondrialer, immunologischer und gastrointestinaler Ebene sehr wohl messbar sein.
Weiterführende Informationen
Weitere Informationen zu meinem naturheilkundlichen Ansatz finden Sie auf der Seite Therapieschwerpunkte. Für Fragen oder Terminwünsche nutzen Sie gerne die Kontaktseite.
Quellen
- Ajaz S et al. Mitochondrial metabolic manipulation by SARS-CoV-2 in peripheral blood mononuclear cells of patients with COVID-19. Am J Physiol Cell Physiol. 2021.
- Bhatt AS et al. NAD⁺ deficiency in Long COVID patients. Cell Metab. 2023.
- Kumar P et al. Supplementing Glycine and N-Acetylcysteine (GlyNAC) in Older Adults Improves Mitochondrial Function, Inflammation, Oxidative Stress in Long COVID. Clin Transl Med. 2023.
- Migaud M et al. Biochemical insights into NAD⁺ and SIRT1 in the context of Long COVID. Nutrients. 2024.
- Sahiner L et al. Glutathione deficiency in patients with Long COVID. Antioxidants. 2022.
- Nalbandian A et al. Post-acute COVID-19 syndrome. Nature Medicine. 2021;27(4):601–615.
- Myhill S, Booth NE, McLaren-Howard J. Chronic fatigue syndrome and mitochondrial dysfunction. Int J Clin Exp Med. 2009.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle heilpraktische oder ärztliche Beratung. Die genannten Therapiemaßnahmen bedürfen einer individuellen Indikationsstellung.
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