Warum Nahrungsergänzung ohne Diagnostik meistens sinnlos ist

Kennen Sie das? Im Regal der Drogerie stehen NMN, Resveratrol, Ashwagandha, CoQ10, Vitamin C und ein Dutzend weitere Präparate. Man greift zu – und hofft. Doch genau dieses “Supplementieren auf Verdacht” ist nach aktuellem wissenschaftlichem Stand wenig zielführend. Der Grund liegt in einem alten botanischen Prinzip, das für den menschlichen Körper ebenso gilt wie für Pflanzen.

Der Baum mit dem kranken Blatt

Stellen Sie sich eine Palme vor, deren Blätter vergilben und absterben. Ein erfahrener Botaniker würde das Blatt nicht behandeln – er würde den Boden analysieren. Findet er Stickstoffmangel, korrigiert er den Boden, und das Blatt heilt von selbst. Genauso verhält es sich mit dem menschlichen Körper: Symptome sind meistens Hinweise auf einen Mangel weiter oben im System – nicht auf ein lokales Problem, das lokal behandelt werden muss.

Methylierung: Das Zentrum des Stoffwechsels

Viele scheinbar unzusammenhängende Beschwerden – Erschöpfung, Schlafstörungen, Brain Fog, Konzentrationsprobleme, Stimmungsschwankungen – treffen sich an einem gemeinsamen Punkt: der Methylierung. Methylierung ist ein biochemischer Prozess, bei dem Nährstoffe in ihre körpereigene, nutzbare Form umgewandelt werden. Nehmen wir Folat als Beispiel: Aus grünem Blattgemüse wird Folat aufgenommen, das der Körper in Methylfolat umwandelt. Methylfolat hilft, eine entzündungsfördernde Aminosäure namens Homocystein abzubauen, die dann zu Methionin wird – einem Baustein, der unter anderem die Schlafregulation im Gehirn unterstützt. Eine einzige Pflanze, ein ganzer Prozess bis zur Gehirnchemie.

Das MTHFR-Gen: Häufiger als gedacht

Die bekannteste Genvariation in diesem Zusammenhang ist das MTHFR-Gen (Methylentetrahydrofolat-Reduktase). Bei einem Großteil der Bevölkerung liegt eine Variante vor, die die Umwandlung von Folsäure in die nutzbare Form Methylfolat einschränkt – um bis zu 75 % bei der homozygoten Variante [1,2]. Betroffene nehmen also Folsäure auf, können sie aber nicht vollständig in die Form bringen, die ihr Körper tatsächlich braucht. Die Lösung ist einfach: Methylfolat direkt supplementieren, nicht Folsäure.

Homocystein und Herzgesundheit

Bleibt Homocystein erhöht, weil der Abbau nicht richtig funktioniert, hat das weitreichende Folgen. Erhöhte Homocysteinwerte gelten als unabhängiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen [3,4]. Mechanistisch verengt Homocystein die Blutgefäße durch Vasokonstriktion – ein kleineres Rohr bei gleichem Druck ergibt höheren Blutdruck. Bemerkenswert: Etwa 85 % aller Bluthochdruckdiagnosen gelten als idiopathisch, also “ursächlich ungeklärt” – bevor Nährstoffdefizite als Ursache systematisch ausgeschlossen wurden.

Fazit: Erst testen, dann supplementieren

Wer zielgerichtet supplementieren möchte, braucht Daten. Drei Basisuntersuchungen sind besonders aufschlussreich: der glykämische Status (Nüchternblutzucker, HbA1c, Insulin), ein Hormonstatus sowie ein Nährstoffprofil (besonders Vitamin D3, B12, Magnesium). Ergänzend empfiehlt sich ein genetischer Methylierungstest, der einmalig durchgeführt wird und zeigt, welche Nährstoffe der Körper in die nutzbare Form umwandeln kann – und welche nicht. Erst dann macht gezieltes Supplementieren Sinn.

Quellen

[1] Goyette P. et al.: Human methylenetetrahydrofolate reductase: isolation of cDNA, mapping and mutation identification. Nature Genetics, 1994.

[2] Froese DS. et al.: MTHFR Gene Polymorphisms in OUD Populations. PMC (2022). DOI: 10.3390/genes13020304

[3] Barroso M. et al.: The Link Between Hyperhomocysteinemia and Hypomethylation. Epigenomics (2017). DOI: 10.1177/2326409817698994

[4] Robinson K. et al.: Homocysteine and Cardiovascular Disease. Circulation Research (2007). DOI: 10.1161/01.RES.0000243583.39694.1f